Vita
Gabriele von Falkenstein trat in die Welt wie ein Schatten, der sich an die Mauern schmiegt: 1327 hatte sie den alten Grafen Burchard geheiratet, ein Bündnis, das Ehre und Schutz versprach. 1329 brachte sie einen Sohn zur Welt; das Kind weinte, die Burg atmete auf, und für einen Augenblick schien die Linie gesichert. Doch die Jahre waren rau geworden. Die Felder in Rheinhessen litten noch unter den Nachwirkungen schlechter Ernten, die Handelswege waren unsicher, und die großen Mächte wie Kaiser, Bischöfe, und die benachbarten Herren von Bolanden webten ihre Netze um jede Burg und jedes Lehen. Die Falkensteiner hielten Verbindungen und Bündnisse mit benachbarten Adelsfamilien. Die gelegentlichen Schenkungen an Klöster und Bistümer, sicherten das Recht und den Rückhalt.
1341 aber kam das Unheil in Gestalt der Ruhr; Burchard erlag der Krankheit, und mit seinem Tod begann das Zerbrechen der Gewissheiten. Sein Bruder, der die Nachfolge antrat, sah in der Witwe keine Verbündete, sondern eine Belastung: Er fürchtete Ansprüche, Erbteilungen, die Schwächung seiner Stellung gegenüber Mainz und den Grafen Bolanden. So wurde Gabriele, die einst als Gemahlin des Grafen in den Hallen geglänzt hatte, von der Burg vertrieben. Man setzte sie nicht auf die Straße wie eine Bettlerin, sondern schob sie fort mit der kalten Höflichkeit der Macht: ein paar Truhen, ein Sattel, der Sohn an der Hand, und die Pflicht, sich einen neuen Schutz zu suchen.
Die Wahl fiel auf Harxheim, denn der Burggraf Dietmar von Harxburg, der seine Burg als Knotenpunkt zwischen Weinbergen und Reichswegen verstand, hatte einst mit den Falkensteinern Handel getrieben. Dietmar und sein Sohn Dietrich kannten die alten Verflechtungen, die zwischen Kaiseramt, den Grafen von Bolanden und dem Bistum Mainz gespannt waren. Sie boten Gabriele Zuflucht nicht nur aus Mitleid, sondern aus politischem Kalkül: eine Wittwe mit einem Erbanspruch konnte nützlich sein, wenn man sie als Pfand gegen fremde Ansprüche hielt. So kam Gabriele auf die Harxburg, nicht als Gefangene, sondern als Gast mit schmaler Habe und großem Stolz.
Die Jahre auf Harxburg waren von Entbehrung und leiser Heilung geprägt. Die Pestwellen, die 1348–1350 Europa heimsuchten, hatten auch Rheinhessen nicht verschont; Dörfer lagen leer, Mühlen standen still, und die Erinnerung an die Sterblichkeit war allgegenwärtig. Doch in den Mauern der Harxburg fand Gabriele eine neue Ordnung: Arbeit, Gebet, und die täglichen Rituale, die Wunden heilen. 1354 trat Gottfried von Schwarzfelden in ihr Leben — kein hoher Herr, sondern ein Mann, der aus Armut und Handwerk emporgekommen war, ein Taschner, der Leder und Wort gleichermaßen verstand. Er war auf der Harxburg, weil die Wege unsicher waren und Dietrich Handwerker und treue Männer schätzte. Gottfrieds Hände kannten das Leder, seine Augen kannten die Welt; er sprach wenig, aber wenn er sprach, hörte man die Ehrlichkeit.
Die Liebe, die zwischen ihnen wuchs, war kein höfisches Feuerwerk, sondern ein langsames Entzünden: gemeinsame Arbeit am Webstuhl der Burg, geteilte Blicke über die Reben, Gespräche bei Kerzenlicht. Es war 1356, als Sie in der kleinen Kapelle der Harxburg vor dem Thomaskreuz heirateten. Gottfried, einer der Kreuzhüter des Thomasorden legte den Eid ab, das Kreuz zu schützen. Der Sohn des verstorbenen Burggrafen, Dietrich sprach Worte, die mehr als Titel verliehen: Schutz, Heim und ein neues Wappen, das aus Leder und Schwert, aus Treue und Arbeit geformt war.
Fortan lebten Gabriele und Gottfried zusammen auf der Harxburg. Sie führten Ihr Haus mit einer Mischung aus Adel und Handwerk, empfingen Reisende, schlichten Streitigkeiten zwischen Winzern und Rittern, und hielten die Kapelle, in der das Thomaskreuz ruhte, in Ehren. Die Jahre nach der Hochzeit waren geprägt von vorsichtiger Prosperität: die Reben trugen wieder, die Wege füllten sich langsam, und die politischen Netze um Mainz, Bolanden und das Reich veränderten sich beständig.
