Ordo Hospitalis Sancti Thomae Teutonicorum de Acco

Ostern 1363
Die Glocke der Kapelle schlug ihren ersten Ton—ein dunkler, ruhiger Ton, der wie ein Atemzug aus Stein und Zeit durch das kleine Lehen ging. Der Klang echote in den engen Mauern der Harxburg, als rufe er ein Versprechen wach, das längst im Staub der Jahre versunken war. Noch hing der Duft feuchten Lehms über den Feldern, und doch lag etwas in der Luft, das schwerer wog als der Frühnebel: Erwartung, Erinnerung und ein altes Versprechen.
In der Kapelle der Burg hatten sich die Kreuzhüter des Ordo Hospitalis Sancti Thomae Teutonicorum de Acco versammelt. Schwarze Kutten, weiße Überwürfe und das schwarze Kreuz mit der weißen Muschel über ihren Herzen. In der Mitte stand Freiherr Dietrich von Harxburg links neben ihm Freiherr Gottfried von Schwarzfelden, sein engster Vertrauter; Alexander von Au und Freifrau Johanna von Wartenberg.
Zur Rechten Dietrichs standen die Ritter des Deutschen Ordens. Rudewin von Flomborn, der uralte Komtur von Ober-Flörsheim, dessen Körper gebrechlich, dessen Geist jedoch ungebrochen war. An seiner Seite der Prior Albrecht, der als Knabe den Fall Akkons erlebt hatte. Ihre beiden Knappen hielten sich im Hintergrund, bemüht, nicht zu stören.
Die Ritter des Bundes der Weinberge – Die Weinbergritter standen dahinter wie ein stilles Bollwerk: Wilhelm vom Rotetal, Friedrich von der Wolfsbuche, Mechthild von Wuttke zusammen mit ihren Familien. Yvonne, Dietrichs Frau mit seinen Söhnen, sechs und zehn Jahre alt, standen ernsthaft, als hätten die beiden bereits die stummen Bündnisse gelernt, die ein Haus zusammenhalten.

Auf dem Altar stand das Thomaskreuz. Ein Gemmenkreuz aus der Zeit der Kreuzfahrer, es zierte im Zentrum ein schwarzes Kreuz mit weißer Muschel auf weißen Grund – das Banner des militärischen Arms des Thomasordens. Die Edelsteine glommen wie Augen im Kerzenlicht, die mehr gesehen hatten, als ein Menschenleben fassen konnte. Seit siebzig Jahren stand diese Reliquie unter dem Schutz der Harxburger — seit jenem Tag, an dem Dietrichs Vater Dietmar es aus den brennenden Straßen Akkons getragen hatte, während Mauern fielen und Banner im Sand versanken. Sein Vater war einst der letzte Komtur des ersten Hauses des Thomasordens an der Ostseite Akkons, nahe beim Hospital der Deutschen. Dietrich erinnerte sich an die Geschichten seines Vaters wie ihn Henry of Bedford, an den Schwur band, das Kreuz zu retten, koste es, was es wolle; an Rudewin, der Dietmar damals das Leben gerettet hatte und an den Deutschorden der Ihm in alter Freundschaft half die Relique sicher ins Reich zu tragen. Der alte Ritter Rudewin stand nun wieder hier, über neunzig Jahre alt, und seine Augen glänzten, als er das Kreuz betrachtete — nicht aus Sentimentalität, sondern aus dem Wissen, dass er Zeuge eines Erbes war, das größer war als jeder von ihnen.
Die Ostermesse begann. Prior Albrechts Stimme füllte den Kapellensaal, getragen vom stockenden Atem der Versammelten. Die Worte des Evangeliums schienen sich mit dem Kerzenrauch zu verweben, und für einen Moment war es, als stünde die Zeit still. Dietrich spürte die Blicke seiner Familie. Yvonne, hielt das jüngere Kind im Arm, während die beiden Söhne ernst und still neben ihr standen, als ahnten sie, dass dieser Morgen mehr bedeutete als ein Festtag.
Als die Glocke verstummte, traten die Kreuzhüter vor und legten Ihre Hände auf das Thomaskreuz. Die Reliquie war kühl, doch unter der Oberfläche schien etwas zu pulsieren — Geschichte und eine Verpflichtung. Es war ein Eid, den Sie erneuerten: zwischen den beiden Orden, zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Nach der Messe blieben nur vier Männer in der Kapelle zurück: Dietrich, Gottfried, Rudewin und der Prior. Der Raum wirkte plötzlich größer, leerer, als hätte der Abgang der Menge die Stille selbst lauter gemacht.
„Euer Vater war ein Mann, der seinem Eid fand und ihm treu blieb“, sagte der Prior leise. Dietrich nickte. Er wusste es. Dietmar hatte das Kreuz getragen wie einen brennenden Scheit aus einem einstürzenden Haus — nicht aus Angst, sondern aus dem Wissen, dass es etwas war, um das sich Menschen scharen konnten, wenn alles andere verloren ging.
Rudewin sah die beiden Kreuzhüter mit traurigen Augen an und sagte: „Dietrich wir haben Kunde aus Zypern bekommen. Der Orden den Euer Vater einst angehörte existiert nicht mehr. Es kam 1361 zur endgültigen Spaltung und die Reste des Ordens sind zurück in England und tragen nun wie einst die Templer das rote Kreuz. Ihr seid nun mit euren Gefolgsleuten die einzigen des Ordens und die letzten Hüter“.
Rudewin legte seine Finger auf das Kreuz, murmelte eine Fürbitte und lächelte schwach. „Karl mag ein Kaiser des Papiers sein“, sagte er, „aber dieses Kreuz ist ein Gesetz des Herzens.“ Dann sah er Dietrich an. „Reliquien reisen nicht wie Händler. Sie gehen dahin, wo man sie hält“ und Dietrich spürte, dass diese Worte mehr bedeuteten, als der alte Ritter aussprach.
Dietrich wusste, dass der Eid den Sie geleistet hatten ein Netz spannte und die beiden Ordenshäuser in tiefer Freundschaft verband zwischen Ober-Flörsheim und Oppenheim, zwischen Mainz und den stillen Dörfern an den Nebenläufen. So stand das Thomaskreuz, einst in tiefer Freundschaft übergeben, unter dem Schutz der letzten Hüter des „Ordo Hospitalis Sancti Thomae Teutonicorum de Acco“.
